Axel Geis

Brünette Frauen aus dem Kleinbürgertum
15.10.2020 – 27.11.2020

AXEL GEIS

BRÜNETTE FRAUEN AUS DEM KLEINBÜRGERTUM

Wenige Wochen vor Eröffnung der Ausstellung beschloss Axel Geis, für ein paar Tage nach Venedig zu fahren. Er wollte sich anschauen, „was andere vor mir besser gemacht haben“, also Maler wie Tizian, Tintoretto und Tiepolo.
Geis’ Gemälde zeigen menschliche Figuren. Dabei geht es ihm nicht um die Motive selbst, sondern um das Malen an sich. Gäbe es in der Kunstgeschichte eine lange Tradition der, sagen wir: Äpfel-, Hunde- oder Büroklammermalerei, würde Geis heute vielleicht das machen. Aber so sind es eben Menschen geworden. Er malt sie im Versuch, sich selbst auf die Schliche zu kom- men und die Frage zu beantworten, warum ihm etwas gefällt.
Geis‘ Bildern liegen immer andere Bilder zugrunde: Fotos, Publikums- oder Autorenfilme der 60er- bis 90er-Jahre, von Luis Buñuel, Ingmar Bergmann oder – im Falle von mindestens einem Bild seiner Ausstellung bei Grzegorzki Shows – Claude Chabrols „Die Hölle“ von 1994 mit der betörenden Emmanuelle Béart. Die dort vorgefundenen Motive dienen Geis lediglich als Ausgangsmaterial, er leiht sich das Personal, enthebt es seiner Umgebung und verleiht ihm neue Gesichter, Frisuren und Kleider. Seinen Arbeitsprozess beschreibt Geis dabei so: Er male den Vordergrund, sei damit einen Moment lang glücklich, dann male er den Hintergrund und sei auch damit einen Moment lang glücklich, dann widme er sich wieder dem Vordergrund und so weiter. Oft gehe er abends also regelrecht glücklich ins Bett und sei am Morgen des nächsten Tages völlig niedergeschlagen über die in seinen Augen mindere Qualität des zuvor Geschaffenen. Im Zweifel sei der Zeitpunkt, in dem er ein Bild dann für fertig erklärt, einfach
der Moment, in dem es wirklich in den Ausstellungsraum verbracht werden müsse. Im besseren Fall erreiche es einen Zustand, in dem es präsentabel sei. Im (seltenen) Idealfall aber sei ihm ein Bild einfach „locker draufgelungen“, also fast beiläufig entstanden. Und je beiläufiger, desto
glücklicher müssen wir uns Axel Geis vorstellen.
Meist aber scheint es sich beim Malen aber um eine Tätigkeit zu handeln, die ihm eher eine Zumutung ist und um die er sich möglichst lange herumdrückt. Vielleicht weil er die Gewissheit hat, dass – nach allem, was man weiß – noch nie eine Ausstellung ohne fertige Arbeiten eröffnet hat, genau wie noch nie eine Zeitung mit weißen Kästen statt Text erschienen ist. Irgendwie haut es am Ende ja doch immer hin. Es liegt immerhin auch ein eigenes kitzeliges Vergnügen darin, zu wissen, dass eine Aufgabe irgendwann keinen Aufschub mehr duldet – und darin, den Mo- ment des Beginns doch immer noch ein Stück mehr hinauszuzögern.
Daheim in Berlin wurde Gregor Hildebrandt derweil nervös. Er, der um den Hang seines Freundes zur Prokrastination weiß, hatte Axel noch gesagt, dass es ganz toll wäre, wenn die Bilder dieses Mal wenigstens trocken wären, bevor sie an die Wand gehängt würden. Aber welche Arbeiten das sein würden, wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal Geis selbst.
Axel Geis und Gregor Hildebrandt kennen sich, seit sie sich vor vielen Jahren im Rahmen einer studentischen Gruppenausstellung in Mainz begegneten. Gregor sah eine kleinformatige Arbeit Axels, das einzige Ölbild der ganzen Ausstellung, ein wenig unvorteilhaft gehängt – und doch wusste er, dass er gerade etwas ganz Außergewöhnliches geschaut hatte. Das Bild machte den Eindruck, als sei es von irgendeinem Dachboden eher irrtümlich in der Ausstellung gelandet. Grund dafür dürfte die entrückte Qualität von Geis’ Arbeiten sein. Die melancholischen Blicke der Figuren, die sich nur im Ausnahmefall mit dem der Betrachterin treffen, wenn sie ihr nicht gleich den Rücken zuwenden. Wie verloren stehen diese Abgebildeten – die Werktitel weisen sie, wenn überhaupt, lediglich als „Figuren“, „Mann“ oder „Frau“ aus – mit schweren Lidern und wie rotgeweinten oder -getrunkenen Nasen in umkonturierten, verschatteten Räumen ohne Tiefe herum. Nichts scheint sie zu halten, ihre Körper, manche so durchscheinend wie die von Gespenstern, werfen keine Schatten. Ihre Kleider, oft sind es Hausmäntel, Kittel oder Uniformen, wirken wie aus einer anderen Zeit.
Gregor Hildebrandt selbst ist seit jener ersten Begegnung ein Bewunderer von Axels Bildern; in seinem Atelier hängen drei von ihnen: eines von Gregors verstorbener Mutter und eines seiner damals gerade volljährig gewordenen Tochter. Dazu ein Bildnis Robert Walsers, das den Schriftsteller im Halbprofil zeigt, den rechten Arm unvollendet.
Mittlerweile sind 25 Jahre vergangen – 25 Jahre, in denen die beiden unter anderem eine

gemeinsame Berliner Wohnung bewohnten (die später durch einen Brand zeitweise unbewohnbar wurde) und ein Atelier teilten. Weil Gregor eine Obsession mit Geburtstagen zu haben scheint (siehe „The Birthday Show“, die Vorgängerschau in diesen Räumen), fällt die Eröffnung mit Axel Geis’ Fünfzigsten zusammen.
Der Titel, „Brünette Frauen aus dem Kleinbürgertum“, ist übrigens Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ entliehen. Der Ich-Erzähler Marcel beschreibt damit die „Ersatzvergnügen“, mit denen er sich von der Sehnsucht nach seiner bei einem Reitunfall ums Leben gekommenen Geliebten Albertine abzulenken versucht.
Aber eigentlich spielt das alles – der Titel, die Vorlagen und die Bezugnahmen – keine weitere Rolle. Die Bilder sind nun mutmaßlich fertig, sie sind vielleicht sogar trocken. Sie sind, ganz sicher, wieder außergewöhnlich geworden.

(Text: Anne Waak)

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