Dimitrios Antonitsis

Luxuriating Form
16.03.2019 – 12.04.2019

Auf Hydra ist es sehr schön: Es darf nur im alten Stil gebaut werden, das größte Hotel hat 28 Zimmer und alles ist voller Katzen. Von denen die meisten top gepflegt sind. Das Einzige was manchmal nervt ist die extreme Hanglage. Ist man oben, lässt es sich toll auf den Hafen runtergucken. Man wohnt hier auch sehr nett. Nur leider ist es halt oben – und die vier Lebensmittelgeschäfte, eigentlich alle Restaurants und jede wichtige Bar sind unten. Der Weg zurück kann dann ziemlich anstrengend sein. Und man verläuft sich in den engen Gässchen recht oft.

Die Tage auf Hydra gehen meistens schnell rum. Besonders im September, wenn sie schon etwas kürzer sind, aber es – wie alle beteuern – die beste Zeit ist. Man hängt am Hafen rum, blättert durch die Zeitungen und überlegt an welchem der Strände man den Tag verbringen möchte. Kehrt man am Nachmittag zurück, trinkt man vielleicht noch ein Mythos Bier in der Spilia Bar. Viele gehen später, wenn es dunkel ist, in die Tavernen. Andere bleiben lieber zuhause. Wegen des steilen Rückwegs.

Natürlich kommt auch die Kunst auf Hydra nicht zu kurz. Dafür sorgt ein Athener Milliardär mit seinem exquisiten Kunstgeschmack und dem zum Projektraum umgewidmeten Schlachthaus. Dafür sorgt aber auch Dimitrios Antonitsis – besonders er. Vor zwanzig Jahren hat der in Athen lebende Künstler das Hydra School Project gegründet. Seitdem kuratiert er jeden Sommer eine Ausstellung in den Räumen des ehemaligen Gymnasiums. Er bringt junge und etablierte, internationale und griechische Künstler auf die Insel: Kiki Smith, Thomas Schütte, Anastasia Douka und der im Sommer auf Hydra lebende Brice Marden waren schon dabei. Nachzulesen sind die Namen der Künstler auf den Postern, die Dimitrios jedes Jahr gestalten lässt. Genauso wie die Titel der thematischen Shows: Gestalt, Uber-Bodies, Bibelot.

Im letzten Jahr hat der Berliner Künstler Gregor Hildebrandt dort eine Arbeit gezeigt: ein schwarzes Segel, gewebt aus Kassettenbändern. Damit ist er zuvor von Zypern nach Tel Aviv gesegelt. Auch von dieser Ausstellung gibt es ein Poster, Loss steht darauf. Gregor und Dimitrios sind dann ein paar Mal zusammen aufs Wasser gegangen. Man stellt sich vor, wie sie die Insel umrunden – Vlychos, Bisti, Episkopi, Mandraki – und schließlich in der Abendsonne in den Hafen einlaufen. Vielleicht waren sie danach noch in der inzwischen nicht mehr so berühmten Pirate Bar.
Im Wedding ist es ein bisschen schmutzig und manchmal auch sehr wild. Dafür ist die Prinzenallee recht kurz für eine Berliner Allee: Gerade einmal 850 Meter reicht sie vom Bahnhof Pankstraße nordwärts, bevor sie in die Wollankstrasse übergeht. Ungefähr dort, wo sie auf die schnurgerade Bellermannstrasse trifft, steht die alte Malzbierbrauerei Groterjan. Die Nachbarn heißen Lidl und Amazia ¬– ein Headshop, der Kawumms und Partybongs vertreibt und dessen Webseite sich schon seit längerer Zeit „im Aufbau“ befindet.
Hier hat Gregor Hildebrandt sein Studio und hier betreibt er auch den Projektraum Grzegorzki Shows. Als ich Gregor besuche, ist es sehr windig, das große braune Tor der Zufahrt wird mal nach außen, mal nach innen gedrückt. Wir begutachten das kleine Pförtnerhäuschen, in dem die Ausstellungen stattfinden: grüner Linoleumboden, weiße Wände, Neonröhren. Gerade läuft keine Ausstellung, deshalb ist es ein bisschen unordentlich. Oben in seinem Studio zeigt Gregor mir das Schild mit der pinken Leuchtschrift, das er für Grzegorzki Shows hat anfertigen lassen.
Am 15. März wird es wieder über der Tür des Pförtnerhäuschens hängen. Das Brauerei-Tor ist dann weit geöffnet und der Ausstellungsraum picobello. An seinen Wänden die neunzehn Poster des Hydra School Projects: Loss, Gestalt, Bibelot und alle anderen. Sie sind Ankündigungen vergangener Gruppenausstellungen – eine Art Retrospektive – Souvenirs dieser Insel im Saronischen Golf. Dimitrios Antonitsis hat sie zusammen mit einer seiner eigenen Arbeiten aus Griechenland mitgebracht. Im Raum steht eine Säule aus Aluminium-Amphoren. Sie erinnern an die Schönheit Hydras. Und an den Durst, den man hat.