Dorothee Diebold

Rosen aus dem Paradies
27.04.2021 – 01.06.2021

Jedes Jahr am 6. Februar erzählte mein Vater mir die Geschichte von der Heiligen Dorothee, die den Statthalter nicht heiraten wollte, aus Überzeugung zum Glauben und deshalb von ihm zuerst gefoltert und anschließend geköpft wurde. Auf dem Weg zur Enthauptung, den sie gelassen ging, weil sie sich schon auf den Garten im Paradies freute, spottete ein Schreiber, sie solle ihm doch nach Ankunft Rosen und Äpfel aus dem Paradies mitbringen. Im Moment als das Messer nach unten schlug, brachte ein Kind ihm im tiefsten Schnee einen Korb voll Rosen und Äpfel. Der Schreiber brach zusammen und wurde vom Glauben überzeugt.

Als ich 22 Jahre war, malte ich das über 7 Meter lange Bild Rosen aus dem Paradies. Jetzt, 10 Jahre später, stellt es Gregor Hildebrandt in seinen Raum Grzegorzki Shows zum „Gallery Weekend“ in Berlin aus.

Es würde mich freuen, wenn Ihr kommt!
Dorothee


Rosen aus dem Süden Paradies
Für Dorothee Diebold.

Ich möchte als Einstimmung zur Ausstellung von Dorothee Diebold der Fragestellung auf den Grund gehen, warum jedes Jahr das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker mit einem anderen Dirigenten aufgezeichnet und als Longplayer neu veröffentlicht wird? Zumal das Orchester jedes Jahr dieselben Strauß-Walzer und Polkas spielt. Wer kauft diese CDs? Hat man im Laufe der Jahre 30 Versionen der Tritsch Tratsch Polka, des Radetzky-Marsches oder von Rosen aus dem Süden im CD Regal? Setzt man sich mit einem Gläschen Wein am Feierabend hin und denkt sich, so jetzt ziehe ich mir mal die Fledermaus-Ouvertüre von A bis Z in allen 30 Varianten rein? Tja, so könnte es sein. Ich hole mal ein wenig aus.
Zunächst konnte ich als junger Typ etwas über die Stilfrage der korrekten Kleidung lernen. Ich erinnere mich an das Jahr 2003, als der Dirigent Nikaulas Harnoncourt das Konzert dirigierte und es wie in jedem Jahr am 1. Januar (auf österreichisch Jänner) um 11:15 Uhr auf ZDF übertragen wurde. Harnoncourt betrat die Bühne in einem grauen Anzug, der so ein bisschen labberig an ihm herum hing. Ich war zu der Zeit sehr militant und verabscheute diesen Dress, denn ich dachte, der müsste doch wohl mal einen Frack tragen. Meine Mutter fand mich affig, bezeichnete mich als Snob und schüttelte mit dem Kopf. Wie ich von irgendeinem alten Mann im TV einen Frack erwarten könnte?! Was ich damals nicht wusste, mir aber natürlich nun längst bekannt ist, dass man morgens keinen Frack tragen darf. Im Orchester darf der Frack nur zur Abendveranstaltung oder bei der Premiere auf der Bühne getragen werden. Es gibt eine sehr strenge klassische Kleiderordnung. Harnoncourt, der alte Profi, hatte natürlich Recht! Das Grau vom Anzug fand ich für den Anlass trotzdem ungünstig, es wirkte in dem Setting wie ein Arbeiteranzug. Das sah umso seltsamer aus, weil im Laufe des Konzertes ja die Balletttruppe eingeblendet wird, wie sie so schwanenseemäßig durch irgendein barockes Schloss tanzt und später kommt die Spanische Hofreitschule dazu, die mit ihren Pferden mit Perlen in der Mähne eine steife Choreographie vorführen. Diese gesamte TV Übertragung ist, wie ich finde, das Absurdeste und auch Langweiligste, was man sich vorstellen kann. Und dann eben die immer gleichen ollen Kamellen. Walzer hoch und runter. Das herrlichste kommt immer zum Schluss, wenn beim Radetzky-Marsch mitgeklatscht werden darf. Das Publikum liebt mitklatschen! Zunächst kommt vom kleinen Trommler eine sogenannte Locke, ein marschmäßiges Trommelmotiv, und dann schmettert das Orchester los. Der Dirigent dreht sich der Tradition zufolge ab Takt 5 mit Doppelstrich in der Partitur zum Saal hin um und klatscht die Leute wie so ein Mallorca-Promoter ein. Die Leute sind erst schüchterne Klatscher, deswegen müssen sie so richtig angefeuert werden. Das lässt sich niemand zweimal sagen und es wird tosend. Weil nach der Klatschstelle aber eine leise Stelle folgt, muss der Dirigent dann ganz hektisch mit den Augen zwinkern und mit Psst-Geste das Publikum wieder ruhig stellen, nur um es dann 12 Takte später oder so wieder anzufeuern. Das Publikum, bei diesem Konzert ganz besonders weißhaarig oder speziell aus Japan angereist, klappert mit den Gebissen und juchzt dann vor Vergnügen über diese kecken Scharmützel des Dirigenten und ist ganz hingerissen. Man sitzt vor dem Fernseher und ist etwas peinlich berührt.
Das Interessante ist, dass die Wiener Philharmoniker dieses Konzert jedes Jahr seit 81 Jahren spielen, und dass eben ungefähr immer gleich, aber jedes Jahr mit einem anderen Gastdirigenten. Da wird ein großes Bohei draus gemacht, wer es nun diesmal sein wird. Die Gage beträgt mehrere Millionen Euro oder Dollar. Ein Standartdirigent der Klassikszene dirigiert vermutlich nie Strauß-Walzer in seinem Alltag, weil da nur Bruckner, Wagner, Brahms und Co. zählen. Nicht die „niedere“ Unterhaltungsmusik wie die vom Strauß (Sohn) oder Strauß (Vater). Es gibt die beiden und es muss immer mit der Klammer angegeben werden, mit wem man es nun zu tun hat. Das Orchester weiß also tausend Mal besser, wie diese Musik geht, nämlich seit 81 Jahren. Bei genauerer Analyse sieht man daher, dass die Dirigierstars das Orchester einfach „machen“ lassen, die mischen sich nicht groß ein, machen ein bisschen Show-Dirigieren und an ein paar signifikanten Stellen dirigieren sie etwas langsamer oder schneller. Daran kann man dann bei der Karajan-Aufnahme den Unterschied zur Barenboim-Aufnahme hören. Jetzt müssen Sie als kleine Hintergrundinfo wissen, dass ich neben meiner Tätigkeit als Maler auch als Dirigent unterwegs bin. Und jetzt geht es gleich ans Eingemachte, denn ich komme langsam zum Thema, dem Werk Rosen aus dem Süden. Seit einigen Jahren dirigiere auch ich jedes Jahr ein Neujahrskonzert am Neujahrsmorgen. Natürlich nicht im Frack, denn wie Sie wissen, wäre das ja lachhaft. Meist trage ich einen Smoking. Damit kann man nichts falsch machen. Beim Radetzky-Marsch drehe ich mich natürlich zum Publikum um und heize ihm ein, damit die richtig mitklatschen. Ich zwinkere frech mit den Augen und mache die Psst-Geste, wenn es wieder ruhig sein muss. Genau wie im Fernsehen. Danach werfe ich Kusshände ins Publikum, da besonders die Omas meinem Schwiegermuttercharme verfallen sind und sie sich gleich Tickets für’s nächste Jahr besorgen. Das ist natürlich gut für’s Geschäft!
Mein Orchester hasst Rosen aus dem Süden. Es ist ein endloses, zähes Werk, welches man sogar noch weiter ausdehnen kann. Karajan hat noch ein paar Wiederholungen eingebaut und damit dehnt sich das Stück ins Unendliche. Am meisten fluchen die Hornistinnen, denn sie haben geschlagene 10 bis 15 Minuten, je nach Version, nur Nachschläge zu spielen. Also so Blaskapellenmäßig. Hörner sehen sich aber als die Königsklasse der Blechblasinstrumente, was mit dem großen Tonumfang zu tun hat, der bis ins Holzregister hinein reicht. Sie würden sich daher nie als Blasmusikanten bezeichnen. Sie sind Künstler. Für die sind Nachschläge eine Erniedrigung. Anders als bei Posaunistinnen z.B., die finden das gut, man muss nicht so viel nachdenken und es schadet auch nichts, wenn man vorher mal ein Bierchen gezischt hatte. Also, die Hörner rollen genervt mit den Augen, aber es nützt ja nichts, da müssen sie durch, die Posaunen prosten sich zu. Los geht’s!
Zum Dirigieren ist Rosen aus dem Süden eine kleine Herausforderung. Die Tempi müssen so gewählt sein, dass man theoretisch einen langsamen Wiener Walzer darauf tanzen können muss. Der Anfang ist im 6/8 Takt geschrieben, das dirigiert man als „großen 2er“, also zwei Schläge pro Takt. Man könnte auch 6 schnellere Schläge dirigieren, das wäre aber ein übles Gefuchtel. Es geht darum, dass es als 6/8 Takt gefühlt sein muss, aber im langsamen Tempo ist. Nun ist diese Einführung seeeeeehr langsam, also man muss da große langsame Gesten dirigieren. So große Ruderbewegungen würde ich mal sagen. Das macht man 10 Takte lang und schon wird es tricky. Die Geigen spielen ein abgehacktes Stakkato-Achtelmotiv. Die Auftakt-Achtel ist mit den großen Ruderbewegungen dirigiertechnisch quasi nicht zu erwischen, hier könnte einem aber das Orchester außer Kontrolle geraten, es braucht da eine klare Führung. Daher ist ein leicht unförmiger Zwischenschlag in der großen Bewegung nötig. Nicht schön, aber nützlich. Ich will Sie jetzt nicht langweilen, aber in der Folge gibt es Dutzende Entscheidungen zu fällen, ob man die große Dirigierform wählt oder es kleinteilig ausschlägt, ständig muss man verzögern oder das Tempo wieder leicht anziehen. Wenn man nun die Wiener Philharmoniker dirigiert, eines der besten Orchester der Welt, ist das wurscht, weil die genau wissen wie die traditionellen Tempoeinheiten gehen, schließlich hat der Herr Strauß (Sohn) es quasi extra für die geschrieben. Da hat man als Dirigent keine Probleme. Mit einem normalen Orchester, welches nicht so auf Walzer trainiert ist, muss man das alles austüfteln. Das ist super anstrengend. Trotzdem kann ich sagen, ich mag persönlich die Rosen aus dem Süden sehr, es ist so schön schwelgerisch und eben dirigiertechnisch auch eine ziemliche Herausforderung. Wenn man da mit Eleganz durchkommt, hat man gut was geleistet.
Warum habe ich das jetzt alles aufgeschrieben? Mich erinnert das alles nämlich an Dorothee Diebold’s Bild Rosen aus dem Süden. Ein ca. 7 Meter langer Oschi, den sie 2011 als Studentin in Offenbach gemalt hat. Ähnlich lang im Format wie das Musikstück dauert, räkeln sich zwischen rosa Rosen ein paar verträumte Hippie-Girls, vollgepumpt mit Designer-Drogen, die sie vermutlich im Robert Johnson Club oder am Offenbacher Marktplatz gekauft haben. Das ist der Innbegriff von einem hässlichen westdeutschen Stadtzentrum. Früher führten da noch Betonbrücken drüber wie in einem dystopischen Zukunftsfilm, die haben sie aber irgendwann gesprengt. Ich war dabei. Die Girls auf dem mittleren Bildteil sind gerade noch im positiven Rausch, während die beiden Randfiguren schon krankhaft abdrehen. Die in der Mitte sind noch so sexy, mit Schulterblick und die Brüste leicht verschämt aber aufreizend verdeckt, während die am Rand schon vulgär rumgrölen und schon so auf Pornostars machen. Freud hätte sein Vergnügen an dem Bild, da kommt so richtig der Mensch mit Es und Über-Ich und den Trieben raus. Alles unter dem Deckmäntelchen der Röschen. Ein gemeines Bild. Aber so Wienerisch. Also alles in allem wirklich eins zu eins wie Rosen aus dem Süden.
Oh Mist, ich sehe gerade, das Bild heißt Rosen aus dem Paradies. Tut mir leid, ich habe das Thema verfehlt. Dorothee’s Bild ist aber trotzdem spitze und ich würde mir an Ihrer Stelle ernsthaft überlegen, dazu Rosen aus dem Süden anzuhören!

(Text: Henning Strassburger)

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