Jan Scharrelmann

Dirty Bird
26.06.2021 – 27.07.2021

Das Erlebnis ebenso unbändiger wie doch hintersinnig gesteuerter Wucht und Energie prägt die Begegnung mit den Arbeiten von Jan Scharrelmann. Ausgehend von kruden, archaischen Elementarformen gewinnen seine Objekte – vielfach Zwitter aus Gemälde und Skulptur – vor allem als Vehikel buchstäblich vielschichtiger, hochdynamischer Bildprozesse ihren unverwechselbaren Charakter. Ihre rätselhafte, widerspruchsvolle Ausstrahlung erwächst dabei aus dem unorthodoxen Einsatz und Umgang mit vermeintlich kunstfernen Materialien und Fertigungsverfahren.
Bereits seit Beginn seiner Laufbahn hegt Scharrelmann eine Faszination für das Arbeiten mit industriellen Werkstoffen. Ende der 1990er Jahre findet er zu jener Materialkombination, die in ihrer ambivalenten Anmutung bis heute sein plastisches Konzept prägt. Skulpturales Element und Bildträger zugleich ist Schaumpolystyrol, bekannter als „Styropor“ – ein Dämmmaterial, das aus dem hitzebedingten Aufschäumen von Polystyrolsplittern entsteht. Jene elastische, bröselige Masse aus zusammengebackenen, luftgefüllten Schaumkugeln schneidet der Bildhauer mit einer Thermosäge in lapidare Blockform, bevor er sie mit eingefärbtem Epoxydharz überzieht. Dieser zähflüssigen Substanz, die sich durch ein zugleich malerisches wie plastisches Potenzial auszeichnet, gewinnt der Künstler die unterschiedlichsten Oberflächenqualitäten und Farbeffekte ab, indem er ihre üppigen Schichten mit Flammruß und Pigmenten aller nur erdenklichen Provenienz versetzt und mit oxydierendem Metallstaub, ja neuerdings selbst mit Stahl- und Bleigeschossen anreichert.
Scharrelmann bleibt sich der komplexen technischen Genese seiner trivialen Grundwerkstoffe stets bewusst. Die den Materialien schon aufgrund ihrer aufwendigen Herstellungsprozesse inhärenten Energien werden im Kunstwerk nicht nur präsent gehalten, sondern zumeist noch machtvoll potenziert. So bewirken die exothermen Reaktionen im Aushärtungsprozess der Harzmasse eine scheinbar explosionsartige Ausbreitung der eingemischten Pigmente. Sie provozieren hochdynamische, energetische Farbereignisse, die ein rhythmisches Wirbeln, Dampfen, Quellen und Wogen assoziieren lassen. Dabei ist die glänzende, spiegelnde Oberfläche der Harzmembran nicht plan, sondern aufgrund der porösen Textur der Styropor-Oberfläche in sich reliefiert, geprägt von unterschiedlichen Glanzintensitäten, von punktförmigen Aufwerfungen, Blasen oder Kratern. Eine vielgestaltige, „gezeichnete“, pockennarbige Haut, der Scharrelmann in seinen jüngsten Arbeiten noch weitere spektakuläre Spuren von Kampf und Konflikt einschreibt: Über der bereits rußschwarzen Harzschicht des „Bildgrundes“ bringt er Behältnisse mit Kupferstaub zur Explosion, indem er sie aus der Ferne per Luftgewehr zerschießt. Dabei kommt es nicht nur zum funkengleichen Auseinanderstieben der Metallpartikel, sondern auch zur Ablagerung einzelner stählerner Schrotkugeln in der klebrigen Harzschicht. Programmatisch wird hier jede malerische Geste als Niederschlag individueller „Handschrift“ verweigert – wird das Bild „gemalt“, ohne es zu berühren. Paradoxerweise gewinnt es gerade auf diesem Wege ein Maximum expressiver Wucht: die Aktion und Dynamik des Werkstoffs bestimmt die Form der Arbeit. Dies gilt auch noch für den nachfolgenden kompositionellen Schritt: Scharrelmann bringt durch chemische Einwirkung die informellen, ungleich dichten Farbfiguren der kupferbestäubten Oberfläche zur Oxidation und Korrosion. Ein überaus nuancenreiches Gefüge unterschiedlicher Grün-, Blau- und Kupfertöne entfaltet sich prozesshaft über der karbonschwarzen „Urmasse“ des Grundes. So macht der Künstler „Rost“ und die ihm innewohnende Eigendynamik zu einem weiteren wirkmächtigen Ausdrucksträger im paradoxen Amalgam von Körper, Farbe, Raum und Oberfläche.

(Kathrin Elvers-Švamberk, 2021)