Johanna Adorjan

Women without mobile phones
10.10.2021 – 27.11.2021

Women without mobile phones

In manche Fotos dichtet die heutige Sehgewohnheit ein Handy hinein. Zum ersten Mal fiel mir das auf, als ich einmal, es ist schon ein paar Jahre her, müde durch Instagram scrollend, bei einem Foto von Romy Schneider hängenblieb, die gerade trüb auf ihr Handy sah. Wir spiegelten einander also in unserem Tun. Aber ich irrte mich. Mein heutiger Blick hatte mich reingelegt. Romy Schneider hielt nichts in den Händen. Ihr Blick ging ins Leere. Wahnsinn, dachte ich, das ist ja lustig. Ich speicherte mir das Bild.

Ein paar Tage später geschah es wieder. Ich sah so durch den unaufhörlichen Instagram-Bilderstrom, der einem da vorgeschlagen wird, wenn man nicht höllisch aufpasst und das Handy rechtzeitig aus der Hand legt, und entdeckte auf einmal ein Foto von Audrey Hepburn bei den Dreharbeiten zu Frühstück bei Tiffany. Sie saß auf einem Stuhl und war gerade dabei, irgendetwas mit einem Touch-Pen auf ihr Handy-Display zu notieren. Es sah sehr elegant aus und modern. Ein Touch-Pen! Die Dreharbeiten zu Frühstück bei Tiffany fanden 1960 statt. Audrey Hepburn konnte unmöglich ein Smartphone besessen haben. Geschweige denn einen Touch-Pen. Und wieder hatte mich mein durch die Gegenwart geschulter Blick getäuscht.

Der heutige Mensch scheint eins zu sein mit seinem Telefon. Es gibt kaum Fotos junger Menschen auf Instagram ohne iPhone im Bild. Influencer nutzen gerne Spiegel für Aufnahmen ihrer selbst, bevorzugt in Aufzügen, immer ist darauf ihr Smartphone deutlich zu sehen. Als Accessoire gehört es zum Look, wer kann, bedient es mit einer Hand. Und wer nicht das neueste Modell mit den drei runden Fotolinsen hat, kann eigentlich gleich aufgeben. Auch all diese neuen Stars, die man ab einem gewissen Alter aufwärts natürlich nicht kennt, haben auf Paparazzifotos, die sie beim Überqueren kalifornischer Parkplätze entweder auf dem Weg in ein Restaurant oder mit Whole-Foods-Tüten bepackt zeigen, natürlich immer ihr Smartphone in der Hand.

Aber man muss nicht auf Instagram gucken, sondern kann auch einfach auf die Straße gehen: Kaum jemand auf dem Bürgersteig, der nicht beim Laufen aufs Display starrt. Über die Unfälle, die dabei passieren, werden schon Doktorarbeiten geschrieben.

Ich habe dann damit begonnen, gezielt nach Fotos von Stars zu suchen, die aussehen, als hielten sie ein Handy, obwohl es zu ihrer Zeit noch keine Handys gab. Das waren meine Kriterien: es musste jemand Berühmtes sein, und die Bilder mussten aus der Prä-Händy-Ära sein, also hauptsächlich 1930er bis 1980er Jahre. Es ist unglaublich, wie viele ich auf einmal fand. Zuerst suchte ich nur nach weiblichen Filmstars, daher der Hashtag (#womenwithoutmobilephones). Später dann kamen auch Männer hinzu, wobei ich sie meistens in Zehnergruppen zusammennahm, um zu zeigen, dass sie die Ausnahme der Regel waren. Oder jedenfalls die Ausnahmen zum Hashtag.

Mit der Zeit bekam ich ein Gespür dafür, wo man gut fündig wurde. Je unsicherer, so meine gewagte und vermutlich nicht haltbare Handy-Such-These, der Star in Wahrheit ist, desto öfter wird er merkwürdige Dinge mit seinen Händen tun, in die sich dann im Jahrhundert darauf etwas hineininterpretieren lässt. Ich habe zum Beispiel kein einziges Handyfoto von Marlene Dietrich gefunden, jedenfalls kein gutes. Sie hat kein Problem damit, völlig aufrecht vor einer Kamera zu stehen und die Hände einfach elegant hängen zu lassen. Während hingegen Marilyn Monroe sehr oft etwas in der Hand zu haben scheint. Oder mit der Hand an der Backe posiert. Oder auf ihre Hand guckt, warum auch immer sie es tat, aber heute sieht es aus, als starre sie auf ihr - natürlich nicht vorhandenes - iPhone.

Bei den Männern war Elvis besonders ergiebig. So oft wie er auf sein - unsichtbares - iPhone sah, nervös damit spielte, darauf herumscrollte, mit ihm telefonierte oder es einfach nur hielt, muss er im Grunde kurz davor gewesen sein, es einfach zu erfinden. Er nutzte auf jeden Fall Handys lange bevor es sie gab.

Und während ich sammelte, mal mehr mal viel weniger aktiv seit nunmehr 2017, schritt die Evolution des Menschen mit seinem Handy unerbittlich voran. Das Motiv, auf dem sich jemand ein Handy ans Ohr hält, wirkt inzwischen fast lachhaft veraltet. Wer telefoniert denn noch so? Heute hält man sich zum Sprechen das Telefon waagrecht an den Mund. Und zum Abhören einer (natürlich viel zu langen) Sprachnachricht hält man es sich waagrecht vors Ohr. Heute wird ohnehin kaum noch mit Smartphones telefoniert, nicht zuletzt, weil sie unfassbar schlechte Telefone sind (zumal die von der Firma Apple). Die Umgebung ist viel lauter, die Verbindung schlecht, häufigster Satz: "Was hast du gesagt?" Man versteht einander nicht, und versucht deshalb, auf ganz praktische Weise das Sprechen möglichst nah ans Ohr zu bekommen - und das Hören nah an den Mund. Das sieht natürlich vollkommen lächerlich aus. Und macht akustisch keinen großen Unterschied. Es sind Gesten der Hoffnung.

Leider ist es nahezu unmöglich, diese neuartige Telefon-Haltung auf alten Bildern zu finden. Solcherlei Handhaltungen hat es nie zuvor gegeben, auch nicht zufällig. Einmal, ein einziges Mal, ist es mir bisher geglückt: auf einem Foto, auf dem Jean Harlow mit drei Männern zusammensteht und in Wahrheit Toast isst, das sich die Gruppe für den Fototermin starr vor den Mund hält. Aber ich gebe sofort zu, dass man schon sehr viel guten Willen aufbringen muss, darin diese neue Art der Kommunikation zu erkennen und nicht einfach vier Leute, die mit Toast posieren.

Deshalb konzentriert sich meine Serie nach wie vor auf die klassische Weise, mit Mobiltelefonen umzugehen: die gezeigten Berühmtheiten telefonieren entweder ganz normal mit keinem, oder sie starren auf keines. Gelegentlich tippen sie auch mal auf keinem herum. Gepostet habe ich die Fotos seit Januar 2019 in unregelmäßigen Abständen auf Instagram. Die unverzeihliche Nichtachtung der Fotorechte rechtfertige ich vor mir selbst mit der Begründung, dass ich es nicht war, die sie unberechtigt und ohne Credit auf Instagram stellte, sondern dass ich sie dort bereits vorfinde, von anderen Nutzern vor mir unrechtmäßig dort hineingestellt. Trotz dieses rechtlichen Mankos verstehe ich diese Serie als Hommage an die Eleganz einer verschwundenen Zeit.

Das Handy, heißt es, kam in den späten 1990er Jahren in die Welt. Die Sammlung #Womenwithoutmobilephones beweist, dass dies ein Märchen ist.

Johanna Adorján