Katharina Domhardt

STILA
25.01.2020 – 22.02.2020

Kunst & Kundendienst
von Timon Karl Kaleyta

Die ganze Woche schon hatte in nach einem neuen Friseursalon für mich gesucht. Mein bisheriger hatte seine Dienste von dem einen auf den anderen Tag eingestellt, eine Katastrophe, und nun war ich auf der verzweifelten Suche nach einem neuen. Ohne Erfolg. Von früh bis spät war ich allein durch die Straßenzüge der Stadt geirrt und hatte mir jeden einzelnen Salon, auf den ich per Zufall stieß, ganz genau angesehen. Ich ging dazu nicht etwa rein und erkundigte mich, nein, ich trat jeweils nur ganz nah an das Ladenlokal heran, stellte mich unmittelbar vor die Fensterfront, schützte meine beiden Hände über die Augen, um das Licht fernzuhalten und presste mich dann ganz an die Scheibe heran, um auf diese Weise wirklich alles im Innern ganz genau und in Ruhe studieren zu können.

Mehrere Minuten stand ich meist einfach so da und versuchte mir ein Bild zu machen: Sah der Salon vertrauenerweckend aus? War er angenehm eingerichtet? War er kundenfreundlich? Wurde gerade jemand bedient? Würde ich mich hier also zukünftig als zahlenden Kunden vorstellen können? All das fragte ich mich, immer und immer wieder, Fragen, den Kundendienst betreffend.

Aber jedes Mal war es doch dasselbe, nie fasste ich bei meiner Inspektion ausreichend Vertrauen, um auch tatsächlich einen Fuß in den Salon zu setzen, immer stieß mich irgendetwas im letzten Moment ab. Es war wie verhext, und je mehr Salons ich aufsuchte und je länger und verbissener ich in die Salons hinein starrte, desto mehr ließ ich die Hoffnung fahren, jemals wieder fündig, ja jemals wieder glücklich werden zu können.

Ich spielte bereits mit dem Gedanken, die Stadt wieder zu verlassen, ihr den Rücken zu kehren, als ich plötzlich - und im Grunde war es nur ein letztes Aufblitzen im Augenwinkel - ein kleines, von außen ganz und gar unscheinbares Ladenlokal am Ende einer schmalen Senke entdeckte. An seiner Fassade, ich traute meinen Augen kaum, sah ich doch tatsächlich die blau, weiß und rot nach oben tanzenden diagonalen Streifen der berühmten „Barber Pole“ - bis dato hatte ich dieses Erkennungszeichen vertrauenswürdiger Frisiersalons ausschließlich auf meinen Reisen in die Neue Welt gesehen. Hier bei uns, in der Bundesrepublik hatte ich es noch nie entdeckt.

Das Zeichen zog mich mit seinen hypnotischen Bewegungen magisch an, und als ich endlich meine Nase gegen die Fensterfront drückte und wie üblich hineinblickte, dauerte es diesmal nur ein paar wenige Augenblicke, und schon war mir klar, dass ich es hier mit einem der besten Salons der Stadt, wenn nicht gar dem besten des Landes zu tun hatte. Mit weit aufgerissenen Augen betrat ich den Salon - es war eine Sensation, wohin ich auch blickte, jede einzelne Wand war von oben bis unten behangen mit Diplomen und Auszeichnungen, mit Meisterbriefen, Zertifikaten und Zusatzqualifikationen, ausgestellt und unterzeichnet von den renommiertesten Institutionen des Planeten. Ich las Viddal Sassoon, Wella, Balmain, L´Oreal, die Handwerkskammer und viele viele mehr. Ich konnte mein Glück kaum fassen, dieser Salon hier wurde eindeutig von Profis geführt.

Für einen Moment glaubte ich gar, mich in ein Kunstmuseum verirrt zu haben, so ordentlich gerahmt und so wunderbar gehängt hatte man hier alles. Aber der Unterschied war eben, ein Künstler konnte sich ja ausdenken, was er wollte, er hätte sich selbst, nur zum Spaß und um uns zu narren, die verrücktesten Diplome und Zeugnisse ausstellen und es ganz einfach als Kunst deklarieren können - was ich hier aber sah, war viel wertvoller als Kunst, es waren echte, beglaubigte Dokumente, sie bezeugten jedem, der diesen Ort betrat, dass hier alles mit rechten Dingen zugehen würde. Nein, das hier war viel besser als jede mir bekannte Kunst!

„Sagen Sie, junge Frau“, fragte ich die bildhübsche Coiffeuse, die schon bald mit einem Lächeln auf mich zukam und mir den Mantel abnahm, während ich weiter auf die Zertifikate schaute, „aber sind das hier alles wirklich Ihre Auszeichnungen? Sind die alle echt? Das müssen ja um die tausend Diplome sein!“

„Selbstverständlich“, sagte die Coiffeuse, „ich habe mein ganzes Leben der Haarschneidekunst gewidmet. Wissen Sie, ich liebe es einfach, meine Kunden glücklich zu machen - es ist der schönste Beruf der Welt. Ein Leben für den Kunden. Für meine Kunden.“

„Für mich sind Sie eine Künstlerin! Eine wahre Kunden-Künstlerin, wenn ich so sagen darf.“

„Sie schmeicheln mir“, sagte die Coiffeuse strahlend, „aber wissen Sie, in Wahrheit kommt Kunst von Kundendienst. Das ist das Geheimnis. Das ist das ganze Geheimnis.“

„Kunst kommt von Kundendienst“, ging es mir durch den Kopf. Ich murmelte es ein paar Male vor mich hin. Das war genial, was für ein Satz, dachte ich. Warum war das bis dato noch niemandem eingefallen? Keinem Künstler, keinem Kurator, keinem Professor. Natürlich, Kunst kam nicht von Können, was für ein infantiler Gedanke, nein, Kunst kam von Kundendienst, und dies hier war ein Kundenkunsttempel sondergleichen. Ein Tempel der Schönen Künste, ein Palacio de Bellas Artes, und der Kunde als sein König.

„Ich vertraue Ihnen“, sagte ich schließlich und setzte mich auf einen der Stühle, legte meinen Kopf in den Nacken, und schon begann die Coiffeuse mir die Haare zu waschen.

„Sie sagen, wenn es zu heiß ist?“

„Es ist perfekt.“