Katharina Koppenwallner

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01.09.2018 – 07.10.2018

INTERVIEW MIT KATHARINA KOPPENWALLNER


Katharina Koppenwallner, bitte erzähl uns einen vom Pferd: Wo hast du diese bemerkenswerten Wesen her?
Also, erst einmal: Ich habe sie nicht selber getöpfert, sondern der Töpfermeister aus Poshina. Sie stehen in großen Herden im Norden Gujarats in der Landschaft rum und rotten da vor sich hin. Es sind Votivpferde der Adivasi, das ist die ortsansässige Ethnie. Großes Pferd = großer Wunsch und große Prozession. Kleines Pferd= Kleiner Wunsch und kleine Prozession.
Kleine Wünsche werden mit dem Pferd platziert, große oft erst nach der Erfüllung. So hat die Herde nichts wirklich Tragisches, keine großen, unerfüllten Wünsche.

Du sagtest, sie rotten vor sich hin. Ist es okay, wenn sie kaputt gehen?

Nachdem sie ihren Dienst getan haben, dürfen sie problemlos kaputt gehen.

Ohne gierig klingen zu wollen: Könnte ich mein Pferd auch für den täglichen Wunschgebrauch einsetzen?
Ein Pferd steht für einen Wunsch an die regionale Gottheit Bakhar Bhavsingh. Du willst doch diese super Gelegenheit nicht etwa für etwas Profanes wie einen Parkplatz verschwenden? Das ist ja dann doch etwas viel Aufwand und wenig Demut. Das merkt der Gott bestimmt, auch wenn er sehr weit weg ist.

Und was sind die gängigen und angemessenen Wünsche?

Das Übliche: Kinder, Kohle, keine Krankheiten.

Das interessante an diesen Tieren ist ihre Uneindeutigkeit. Zum einen könnten sie auch Lamas sein, zum anderen bin ich mir nicht sicher, ob ich sie lustig, schön oder obszön finden soll. Stell Dir vor ich möchte ein Pferd am Telefon bestellen - wie würdest Du es mir beschreiben?

Das Pferd hat sehr kurze Beine und einen sehr langen Hals. Es hat auch sehr lange Ohren, die in die Luft stehen. Sein Maul ist kreisrund geöffnet, genauso wie sein Anus.

Danke, das hört sich verlockend an. Und was hat es mit den prominenten Öffnungen auf sich? Spricht man dort seinen Wunsch rein und wenn ja, vorne oder hinten?

Ich glaube gar nicht, dass der Wunsch irgendwo direkt reingesprochen wird. Das Pferd wird zuerst einmal durch den Kauf mit dem Wunsch angefüttert, anschließend kann es dann durch eine Zeremonie spirituell mit dem Wunsch aufgeladen werden.
Das hintere Loch ist wichtig für den Töpfer, während der Arbeit an dem Pferd. Wie beim Stopfen einer Weihnachtsgans arbeitet sich seine Hand von hinten in den Hohlraum. Das runde Maul ist reiner Gestaltungswille. Da kann der Wunsch aus dem Pferd Richtung Gott gesendet werden, oder der Gott kann es sich da raussaugen mit seinen großen Ohren, wenn er den welche hat.

Ist das Pferd eine lokale Größe oder kennt man es in ganz Indien?

Das Thema Terrakottapferde als Votivfiguren gibt es in ganz Indien. Es gibt aber, meines Wissens nach, nicht viele dieser großen Tierfelder, auf denen sie gemeinsam ihren Lebensabend nach der Wunscherfüllung verbringen können. Die Herde in Gujarat, die auch auf der Einladung zur Ausstellung zu sehen ist, ist angeblich die größte Ansammlung von Terrakottafiguren nach der Terrakottaarmee in China.

Lass uns noch über ihren Schöpfer sprechen, den Töpfer.

Der Töpfer heißt Babu Bhai Prajapati. Und im Grunde ist es seine Ausstellung, auch wenn er sich selbst nicht als Künstler sieht, sondern als Handwerker, der Gebrauchsgegenstände herstellt. Er macht nichts anderes als diese Pferde und ab und an mal eine andere Tierfigur. Im Norden Gujarats gibt es sehr guten Ton, deshalb kann der Töpfer den Rumpf der Tiere hier an der Töpferscheibe machen. Es gibt auch im Süden Gujarats Votivtiere aus Ton, dort ist der Ton aber so schlecht, dass man ihn nicht töpfern kann, sondern mit der Hand kneten muss. Dadurch sehen die Figuren aus wie archäologische Funde aus dem frühen Neolithikum.

Abgesehen vom guten Ton, was sind sonst noch die Highlights des Bundesstaats Gujarat und was hat dich dorthin gezogen?

Gujarat hat eine unglaubliche Vielfalt an ethnischen Textilien und Kulturen, es ist der reiche Vorzeigestaat Indiens, und es gibt eine Menge charmant verwahrloster Maharadscha-Paläste, in denen man hervorragend übernachten kann. Dabei begegnet man weder spießigen Hippies noch Pauschaltouristen. Im Gegensatz zu Rajasthan kann man hier wirklich nicht von einem Touristendonnerwetter sprechen.

Du hast diese Pferde entdeckt, eingeführt und auch schon verkauft. Gibt es schon erfüllte Wünsche?

Ja! Ein Freund von mir hat eine Art Ameisenbären von dem Töpfer aus Poshina, den seine Freundin bei mir gekauft hat. Er kommuniziert jeden Morgen mit diesem Tier und ist der festen Überzeugung, dass er ihm den Erfolg seines Films zu verdanken hat. Wenn der Glaube stimmt, ist der Gott ganz nah. Nur dann kann er helfen.

Katharina Koppenwallner, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Interview: Jackie Thomae

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