Pia Bohr

TOUCH ME I AM SICK
27.05.2022 – 04.07.2022

Knapp über 15 Jahre her organisierte das Arp Museum am ehemaligen Bahnhof Rolandseck, eine der umfassendsten Wanderausstellung mit rund 200 Werken des deutschen Bildhauers Hans Arp. Ich wuchs nahe der das Museum beheimatenden Stadt Remagen auf, weshalb ich mich trotz Widerstands, unzählige Male von meinen Eltern mitschleifen ließ. Vor Ort angekommen, faszinierte - wahrscheinlich untermauert durch ein tolles Programm der Kunstvermittlung für Kinder - der haptische Aufforderungscharakter der Arbeiten Arps. Den Satz „Bitte nichts anfassen“ verstand ich im Kindesalter daher eher als eine Art Herausforderung als eine Warnung.

TOUCH ME I ́M SICK
 
Grzegorzski Shows freut sich, mit „Touch Me I ́m Sick“ die Einzelausstellung der Künstlerin & Musikerin Pia Bohr zu präsentieren.
 
Typisch sind die fließenden Konturen, die geschwungenen Silhouetten, die schwellenden Formen, die sich wölbenden Flächen sowie die weichen Übergänge. Die Oberflächen sind meist glatt, sodass die Maserung des Holzes sich deutlich zeigt. Sie erinnern an Äderchen, Fleisch oder Haut. Es scheint als suchen die biomorphen Werke der Künstlerin nach einer optischen Sprache, welche die geistigen Sphären, jenseits der Welt der Erscheinungen zu erfassen vermag. So ist die Idee einer - in diesem Falle - Sichtbarmachung etwas Unsichtbaren schon sehr faszinierend.

Stilistisch erinnern Bohrs Arbeiten an Spätwerke - insbesondere die sogenannten menschlichen Konkretionen - des Künstlers Hans Arp. Auch der Inhalt der Plastiken Bohrs tritt - ähnlich wie bei Arp - auf Zehenspitzen und ohne jegliche Anmassungen auf. Gleich wie die Spur eines Tieres im Schnee.
Pia Bohrs Skulpturen bewältigen geometrische Vorgaben. Zwar beginnt die Arbeit mit einer groben Idee, doch lässt sich die Künstlerin letztendlich von der Maserung des Materials leiten. Sie geht mit dem Holz. Lässt sich von der Arbeit führen. Vertraut ihr.
Der Titel der Ausstellung „Touch Me I ́m Sick“ findet seinen Ursprung im gleichnamigen, 1988 veröffentlichen Song der Grungeband Mudhoney. Er ist die vielleicht psychotischste Debütsingle, die je veröffentlicht wurde. Der Song wurde kurz nach Veröffentlichung von der New Yorker Alternative Rock Band Sonic Youth gecovert. Postpunk als Weltansicht, der Begriff der Emanzipation sowie die Möglichkeit und Freiheit alles machen zu können um sich zu lösen bildet eine wichtige Instanz der treibenden Kräfte hinter Bohrs Werken. Pia Lunds - wie sich die Künstlerin zuvor nannte - Karriere als Musikerin funktioniert hierbei als eine Art Initialzündung. 
 
„Touch Me I’m Sick“ bezieht sich auf beide Protagonisten der Ausstellung. Es sprechen die Kunstwerke sowie ihre Schöpferin. Es wird Bewegung ausgedrückt, manchmal unter Verzweiflung oder Protest. Es erscheinen unterschiedliche Geschlechter, die Proportionen sind absichtlich verzerrt oder vielleicht in diesem Fall „sick“. Wir sind - einleuchtender weise - darauf abgerichtet, einen Sicherheitsabstand zur sogenannten „sickness“ zu waren. Nicht verkennen sollte man allerdings das auch etwas oder jemand Krankes seine Erfahrung besonders explizit und einzigartig zu teilen vermag - was sehr verlockend sein kann.
Die Skulpturen Bohrs sind dadurch bedingt zum Berühren freigegeben (Touch Me!).
 
Pia Bohr war von 1984 bis 1997 und 2003 bis Ende 2013 - unter dem Namen Pia Lund - Musikerin und Sängerin bei Phillip Boa and Voodooclub und ist in der Avantgarderockszene international bekannt. Ihre Rolle war insbesondere die Melodienfindung, sowohl instrumental als auch im Gesang. Die bildhauerische Praxis versteht die Künstlerin als eine Fortsetzung ihrer musikalischen Arbeit mit anderen Mitteln.

Text Jan Fischer

Material