Gerd Rohling

3 x 3
25.04.2018 – 24.08.2018

DIE SKULPTUR
Sie muß rund sein, 
scharfe Kanten haben,
und unbedingt einige Ecken. 
Sie soll gefüllt sein
mit Musik, und Dich so
anschauen, dass Du rot wirst. 

Gerd Rohling, 1987

Unsere Kunstwelt

von Hermann Pitz

Erfolg ist ein Begriff des 20. Jahrhunderts, wenn es um den Status im beruflichen Milieu und um die allgemeine Anerkennung in der Gesellschaft geht. Erfolg ist heute ein fester Ausdruck der modernen Ökonomie, ist aber nicht immer mit Geld verbunden. Im 19. Jahrhundert kam in Grimms Wörterbuch der Begriff noch mit einem kurzen Eintrag aus: Erfolg m. eventus, und oft secundus, folge: die sache hat keinen erfolg, einen guten, glücklichen, günstigen, ungewissen erfolg; in erfolg (in folge) dieser anberaumung. Neben diesem Beispiel von Lessing wird Schiller noch zitiert: nicht tragen konnt ichs, hier in müszger ruh zu harren des erfolgs. Und Grillparzer: zwischen mord und seinem dolch, zwischen handlung und erfolg dehnt sich eine weite kluft. Erfolg war anfangs eher die Folge einer Handlung als ihre Wirkung.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Erfolg als Teil des Künstlerdaseins anerkannt. Ein süddeutscher Akademieprofessor behauptete damals, daß drei Dinge für den Erfolg notwendig wären, nämlich: Talent, Fleiß und Geld. Von diesen dreien dürfe eines fehlen, aber nie käme man nur mit einer einzelnen von diesen Eigenschaften zu einem guten Resultat. Diese Erfolgsregel ist so verblüffend einfach, daß sie noch heute gilt. Dabei stellen heute Kunstwelten in einer Vielzahl von verwobenen Aktivitäten das Ansehen her, das sie auch regelmäßig wieder ungeschehen machen. Erfolg in der Kunst ist entweder das Ansehen von Kunstwerken oder jenes von Künstlern. Es geht um die Reputation von Werken, von Künstlern, von Schulen, Genres und Medien. Aus der Masse von mehr oder minder gleichen Werken, die von mehr oder minder austauschbaren Leuten gemacht sind, heben die Kunstwelten wenige Werke von besonderem Wert und wenige Urheber von herausragender Reputation hervor.

Jener besondere Wert wird mit Achtung belohnt und häufig, aber nicht immer, materiell entlohnt. Kunstwelten setzen das einmal aufgebaute Ansehen für weitere Aktivitäten ein, indem sie Dinge und Leute mit dieser hervorragenden Reputation anders als andere Dinge und andere Leute behandeln. Jeder erlebt seinen Erfolg anders. Eine Maxime von Ad Reinhardt ist hilfreich, um die stoische Grundhaltung zu verinnerlichen, die zum Erfolg führt: Artist - one whose career always begins tomorrow - a man who won‘t prostitute his art, except for money.

Künstler, die über Ansehen verfügen, sagen gern, sie hätten eigentlich nur Glück gehabt oder seien einmal zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen. Es scheint aber nicht nur der Zufall für den Erfolg eine Rolle zu spielen; denn das Talent versammelt sich an den wichtigen Such- und Fundstellen der Kunstwelt, so dass viele Künstler zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Brutplätzen des Erfolgs nisten. Der Berliner Wedding ist heute so eine Zone, und die Künstlerdichte war gering, als Gerd Rohling sich dort in den 1970er Jahren niederließ. Er zeigt uns: Wer sich nicht bewegt, zu dem kommt der Erfolg.

Der Soziologe Howard S. Becker hat in seiner immer noch lesenswerten Studie Art Worlds (Los Angeles 1982) untersucht, wie wir als Künstler im Kunstbetrieb funktionieren. Seine Untersuchung gilt nicht nur der Bildenden Kunst, sondern auch den Betriebszuständen in Musik und Theater. Alle in diesen Künsten Tätigen sind schließlich Künstler. Becker geht von vier Künstlertypen aus.

Zunächst sind da die Volkskünstler ohne Diskurs und ohne besondere Formkonventionen. Dann gibt es die Naiven, die teilweise formal ähnliche Kunstmittel gebrauchen wie die Profis, aber sie kommen ohne deren ästhetischen Diskurs aus. Oft sind sie Dilettanten. Wenn naive Künstler überhaupt Konventionen akzeptieren, dann solche, die durch Überlieferung und Regeln des Handwerks geprägt sind. Ein ästhetischer Diskurs besteht in diesem Milieu nicht – dennoch kann hier formal dasselbe produziert werden, was auch im professionellen Milieu zu finden ist. Diese ersten zwei Typen stellen auf die gesamte Gesellschaft bezogen das Gros der Kunstschaffenden dar. Ihr Werk ist überwiegend frei von Konventionen. Sie stellen aber als Hobby-Heimwerker einen gewaltigen Wirtschaftsfaktor dar, der sich in unzähligen Baumärkten niederschlägt.

Der deutlich kleinere (aber entscheidende) Teil künstlerischer Produktion spielt sich im professionellen Sektor ab. Hier sieht Becker zwei Typen des Künstlers: Da gibt es einerseits den integrierten, professionellen Künstler. Becker charakterisiert die integrierten Professionellen wie folgt: sie handeln innerhalb einer gemeinsamen Tradition von Probleme und deren Lösungen und damit innerhalb der Konvention ihrer jeweiligen Kunstwelt. Sie definieren die Probleme ihrer Kunst ähnlich und stimmen über formale Kriterien für akzeptable Lösungen überein. Sie kennen – zumindest teilweise – die Geschichte früherer Versuche, jene formalen Probleme zu lösen, und sie kennen die Probleme, die jene Versuche mit sich brachten.
Sie kennen die Geschichte von Werken wie dem ihrigen, so daß sie (genauso wie ihre Assistenten und ihr Publikum) verstehen können, was sie versucht haben, und wie und bis zu welchem Grad das Werk gelungen ist. Professionell Integrierte haben die technischen Mittel, die sozialen Fertigkeiten, und die nötige Denkweise, die Ihnen das Kunstmachen erleichtert.
Zugehörige Konventionen haben sich über die Jahrhunderte herausgebildet. Als Maler zum Beispiel gebrauchen die integrierten Professionellen ihnen zugängliche Materialien für die Herstellung von Werken, die in Größe, Form, Gestaltung, Farbe und Inhalt in die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten passen und zu der Fähigkeit der Leute, darauf einzugehen. Sie verbleiben innerhalb des Kunst-Bereichs, den ein mögliches Publikum und der Staat als anerkannt hinnehmen. Durch den Gebrauch von Konventionen, die Material, Form, Inhalt, Präsentationsform, Abmessung, Gestalt und die Dauer von Kunstwerken bestimmen, und durch geschickte Anpassung daran, ermöglichen integrierte Professionelle effektiv und einfach daherkommende Kunstwerke. Eine große Anzahl von Leuten kann auf diese Weise ihre Aktivitäten mit einem minimalen Aufwand von Zeit und Energie aufgrund von einfacher Wiedererkennbarkeit einer Konvention partizipieren.

Der andere Künstlertyp ist nach Becker der „Maverick“ – also der professionelle Außenseiter, der zwar auch eine akademische Bildung hat und der den offiziellen Diskurs des Kunstmilieus kennt, aber dessen Werk nicht recht passen will, weil er quer denkt und in seiner Kunstpraxis von den geltenden Konventionen abweicht. Becker: Jede organisierte Kunstwelt bringt Außenseiter hervor – Künstler, die einmal Teil der konventionellen Kunstwelt ihrer Zeit, ihres Ortes und ihres Mediums gewesen sind, aber das als unerträglich einengend empfanden. Sie schlagen Innovationen vor, die die Kunstwelt nicht akzeptiert, weil sie nicht innerhalb der Grenzen dessen liegen, was normalerweise produziert wird. Teilnehmer jener Welt – Publikum, Unterstützer, Lieferanten von Hilfsmitteln, oder Kunsthändler – weigern sich, an ihren Innovationen mitzuwirken.
Statt aufzugeben und zu akzeptableren Materialien und Stilen zurückzukehren, verfolgen die professionellen Außenseiter weiterhin ihre Neuerung ohne die Unterstützung des anderen Kunstpersonals. Wo integrierte Professionelle fast vollständig die Konvention ihrer Kunstwelt akzeptieren, halten professionelle Außenseiter nur lose Verbindung mit ihr, nehmen aber nicht mehr an deren Aktivitäten unmittelbar teil. Künstler (und auch Kunststudenten) identifizieren sich gern mit dem Außenseiter, der immer für eine Überraschung gut ist. Entsprechend haben sie weniger Sympathie für den integrierten Professionellen, dessen Werk häufig vorhersehbar ist und langweilig in der Konvention verharrt – obwohl letzterer die besseren Aussichten auf wirtschaftlichen Erfolg hat.

Die Professionellen beobachten den Außenseiter genau. Sie ahmen sogar manchmal seine Bilder nach, obwohl er ein Außenseiter ist. Auf diese Weise sind erfolglose Künstler an Neuerungen in der Kunst beteiligt – ja, vielleicht sind Neuerungen ohne Außenseiter gar nicht möglich. Innovation geschieht bekanntlich in der Kunst selten revolutionär. Meist tritt eine Neuheit am Rande der Kunstwelt evolutionär auf und unbemerkt. Wenn wir eine künstlerische Tradition als eine Serie von verbundenen Lösungen eines gemeinsam definierten Problems betrachten, dann können wir sehen, daß sowohl die Lösungen als auch das Problem sich graduell verändern. Jede bewußt bedachte Lösung ändert das Problem ein wenig – und sei es nur in Form von einer Erhöhung der Anzahl möglicher weiterer Lösungen dieser Art. Nach einer gewissen Zeit der Transformation hat sich aber beides wesentlich verändert: das Problem und die Lösung. Die im Innovationsprozeß eingebundenen Leute halten diese Veränderung für eine logische Entwicklung innerhalb der Tradition. Die Praxis sowie das das künstlerische Ergebnis haben sich verändert, aber niemand hat bemerkt, daß da etwas Besonderes passiert ist.

Die ROHLINGKURVE

Gerd, erstmal ganz herzlichen Dank, daß Du Dir trotz der immensen Ausstellungsvorbereitungen, die schon angelaufen sind, für ein kurzes Interview Zeit nimmst. Du hast 2 mal an der Biennale Venedig teilgenommen, und auf unzähligen anderen Biennalen und internationalen Großausstellungen Deine Arbeiten gezeigt.

Es gab Einzelausstellungen in der Nationalgalerie Berlin, dem Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam, in Museen in Rio de Janeiro, in Neapel, in Bombay usw. usw. zu sehen. Eigentlich gibt es da doch keine besonderen Ausstellungswünsche mehr!
Und doch geht die Kurve plötzlich noch einmal rapide nach oben! Wie fühlt man sich da, ausgerechnet in seinem Heimatbezirk hier im Wedding so ungeheuer viel Aufmerksamkeit zu erleben?

Ich kann das gar nicht beschreiben, eigentlich fehlen mir die Worte, man denkt, man hat alles erreicht, und es kann keine Steigerung mehr geben. Und dann kommt solch eine Einladung von solch einer Adresse, und die kommt auch noch vom Firmengründer Gregorios GrzEGOrzki persönlich!

Seit 40 Jahren kenne ich dieses Gebäude in der Prinzenallee, und seit ca 20 Jahren verbinde ich es mit einer bestimmten Ausstellungsidee, die ich jetzt endlich realisieren kann. Auch der Direktion und dem Team von Grzegorzki Shows war sofort klar, daß nur diese spezielle Arbeit für diesen außergewöhnlichen Raum in Frage kommt. Meine Zeit erlaubt es leider nicht, heute näher auf das Projekt einzugehen, zumal auch vertraglich vereinbart wurde, daß bis zur Eröffnung am 24. 4. um 18 Uhr keinerlei Details veröffentlicht werden!

Leider muß ich jetzt das Interview beenden, da die technischen Vorbereitungen dieser Veranstaltung meine ungeteilte Aufmerksamkeit verlangen!

Ich würde mich sehr freuen, Euch alle bei der Eröffnung begrüßen zu dürfen, um mit Euch den absoluten Höhepunkt meiner Künstlerkarriere zu zelebrieren.

Gerd Rohling

Am gleichen Abend, an gleicher Stelle, zur gleichen Zeit findet die offizielle Weltpremiere des Films "COOL" statt. Buch – Regie – Hauptdarsteller – Copyright: GERD ROHLING

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