Sascha Pohle

Passage
05.07.2019 – 09.08.2019

Sascha Pohle Passage (Berlin)

Faltung #1
Wer Ordnung ausschließlich im Objekt an der Wand zu erkennen vermag wird bei Sascha Pohle nicht weit kommen. Der Künstler betrachtet die Strickbilder seiner Serie Passage (2016ff) nicht nur als horizontale Bilder. Vielmehr definiert er die fototextilen Stücke als performative Objekte, die durch die Bewegungen des wiederholten Faltens, Entfaltens und Auslegens oder Hängens zu animierten gestischen Stücken werden können. Jede Serie besteht aus einer Reihe von Textilien, die auf Fotografien des Bodens basieren ohne sich in erkennbare Darstellungen oder Bildern aufzulösen. Sie verwenden Muster und Mimikry als materielle und visuelle Oberflächenmodulationen, die das Bild als Ort selbst definieren. Mit ihrem unregelmäßigen Netzwerk aus Brüchen und Spalten deuten sie auf mehrere mögliche Faltungen hin. Ihr Charakter changiert zwischen einer Interpretation des real Vorhandenen und einer abstrakten Karte, die kein spezifisches Gebiet beschreibt obwohl sie Erinnerungen an einen konkreten Ort enthält. Jetzt also Berlin. Berlin ist weniger autobiografisch als Düsseldorf (Geburtsort) oder Amsterdam und Seoul (Wohnorte). Dafür wird erstmals der Ausstellungsort als wesentliches Kriterium in die Auswahl der Bildmotive einbezogen. Zum Ausgleich entfalten sich die Formate: Große Decken statt Tücher, gestrickt im wunderbaren Textillabor des Textilmuseums in Tilburg.

Faltung #2
„1839 war es elegant, beim Promenieren eine Schildkröte mit sich zu führen.“
Dieses Bild aus dem Passagen-Werk, jenem legendären, Fragment gebliebenen Buch Walter Benjamins, gibt uns einen Begriff vom Tempo des Flanierens in Paris Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Titel bezieht sich auf die inzwischen wieder in Mode gekommenen überdachten Ladenpassagen und Einkaufsstraßen, tatsächlich mischen sich im Passagen-Werk weit über dieses Thema hinaus reichende Gedanken zur Populär- und Alltagskultur, politische Analysen, marxistische Theoreme und surreale Montagen. Dieses Disparate, Inkonsequente der Schrift, das sich als ein weites Feld idiosynkratischer Einsichten präsentiert, die sich nur schwer in einem konsequenten Gedankengang zusammenfassen lassen, ist exakt das, was beim Nachdenken über Sascha Pohles neue Berlin-Strick-Bilder rauskommt. Das soll nicht heißen, dass Benjamin als Kommentar zu Pohle – oder umgekehrt - gelesen werden kann. Gleichwohl finden sich Parallelen. In erster Linie ist da die offensichtliche Zurückhaltung bei der Fixierung eines Blickwinkels durch wiederholtes Falten des Ursprungsbildes. So was geht in der Krise der aktuellen Epoche, die in vielerlei Hinsicht als zersplittert wahrgenommen wird, als durchaus angemessene Metapher durch. Schließlich ist da auch noch die Schildkröte, die man sich bestens auf den Kacheln der Toreinfahrt vor Grzegorzki Shows in der Prinzenallee vorstellen kann. In diesem Berliner Durchgang liegt buchstäblich das Motiv der neuen Passage, die den Asphalt der Straßen aus den früheren Gruppen Düsseldorf, Amsterdam, Seoul und Anseong durch eine extreme Nahsicht auf das Craquelée der zerbrochenen Fliesen vor der Tür des Ausstellungsraums ersetzt. So muss wohl die Perspektive einer Schildkröte sein.

Faltung #3
Die Perspektive aber, das wissen wir, ist weit mehr als ein kunsthistorisches Darstellungsdetail. Sie ist eine Frage der Weltsicht. In seinem Roman „Rot ist mein Name“ erzählt Orhan Pamuk von einem blutigen Streit zwischen Traditionalisten und Erneuerern in der islamischen Malerei des 16. Jahrhunderts. Die Traditionalisten gebieten wie Allah die Welt von oben zu sehen. Den Neuerern, die von der Kunst der mathematischen Perspektive erfahren haben, werfen sie vor die Welt aus dem Blickwinkel eines dreckigen Straßenköters zu betrachten - eine aus muslimischer Sicht nicht gerade schmeichelhafte Allegorie. Andererseits: Was wäre niedriger als der Boden? Der Boden ist außerhalb des Sichtfeldes und außerhalb der kulturellen Oberfläche des Schreibens und auf einer Ebene, die sich offensichtlich unter beiden befindet; unter dem Körper. Jenseits der Frage nach dem göttlichen Blick haben sich mittlerweile dutzende andere Auffassungen zur Perspektive gebildet. Für die meisten gilt allerdings, dass die Wand quasi den Bildcharakter garantiert und das flache Ding vor dem Betrachter – egal ob gegenständlich oder nicht - in Wirklichkeit immer Raum meint; potentiell unendlichen Raum.
Was macht Sascha Pohle in dieser Situation? Wie der Rosarote Panther im Zeichentrickfilm die Schwarzen Löcher, in die er eben noch gefallen ist, vom Boden aufnimmt, faltet und an anderer Stelle wieder ausbreitet, nimmt der Künstler seinen Straßenraum und legt ihn akkurat zusammen. Gelegentlich wird dieser Raum wieder ausgepackt, sorgfältig in eine andere Form gebracht und bis auf weiteres wieder abgelegt.
In dieser Haltung erkennt man jene Lässigkeit wieder, die ausgerechnet von Jackson Pollock, dem James Dean unter den Künstlern, für den freien Blick auf das Bild domestiziert wurde. Pollock musste sich vom Boden an die Wand retten, damit seine Bilder von den Kritikern nicht weiter als Spritzer, Sabber oder verfilztes Haare bezeichnet wurden. Zur Belohnung erkannte Clement Greenberg in Pollocks Kippen des Bildes aus der Horizontalen in die Vertikale die Auferstehung der modernen Kunst.

Faltung #4
Zurück zum Boden. "Der Teppich", bekannte John Ruskin über die Spiele seiner exzentrischen Jugend, „und die Muster, welche ich in Bettdecken, Kleidern oder Tapeten finden konnte, die untersucht werden wollten, waren meine wichtigsten Ressourcen.“ Der spätere Autor von Modern Painters – einem wahrlich schwer lesbaren Frühwerk zur Geschichte der Malerei – ist natürlich alles andere als ein Vorreiter künstlerischer Avantgarden, aber das Bild des kleinen John beim Zählen der Teppichknoten während James Northcote 1822 sein Porträt malte, verbindet sich auf eigenartige Weise mit den weichen Maschenbildern der Passagen von Sascha Pohle.

Diese bilden eine seltsame Interpretation des Orientteppichs, der nach Michel Foucault zur Kategorie der Heterotopien gehört, jenen mehrschichtigen Räumen, die gleichzeitig innerhalb und außerhalb von Kulturen und deren Normen existieren und nach eigenen Regeln funktionieren. Sie können klein, müssen aber unbedingt wirklich sein. Passagen definiert präzise die Umrisse einer Oberfläche, bei der es sich möglicherweise um einen Boden handelt oder die möglicherweise ein Gebiet von oben darstellt, ähnlich einer Satellitenansicht eines unbewohnten Geländes. Jenseits des Konjunktivs handelt es sich jedoch unzweifelhaft um flache, eine konkrete Fläche abdeckende, taktil erfahrbare Objekte aus verschiedenen Fasern mit jeweils ganz eigenen spezifischen Gewichten.

Faltung #5
Es spricht einiges für die Vermutung, dass Sascha Pohle bei seinem urbanen Publikum noch mit Resten mythischen Denkens rechnet. Anders ließen sich die Passagen mit ihren schwer entzifferbaren Ausschnitten und Spuren der Geschichte eines Ortes gar nicht lesen. Die Objekte stehen prototypisch für eine Vorstellung, die im Grunde aus der aristotelischen Theorie erwächst, dass das Gedächtnis mittels eines Bruchstücks das Ganze rekonstruieren kann. Die Verwendung kleinster Zitate aus dem Weichbild einer Stadt wäre sinnlos ohne diese verbreitete Fähigkeit vom Detail auf Größeres und Allgemeineres zu schließen.

Gedächtnis ist seit geraumer Zeit generell zu einem Thema, fast zu einer Obsession, geworden. Der Antrieb scheint eine Angst vor seinem Fehlen oder Ungenügen zu sein. Vermutlich hat die Konjunktur des Gedächtnisthemas mit dem Outsourcing alles Erinnerungswerten auf elektronische Medien zu tun. Bedeutet es in dem Zusammenhang etwas, dass sich Sascha Pohle in den Passagen just einer Technik - dem Jacquardstrick - bedient, die ganz eng mit der Geschichte des Computers verknüpft ist? Vermutlich steckt kein metaphorischer Anspruch dahinter. Vielmehr handelt es sich um eine jener paradoxen Zufälle, die es auszuhalten gilt. Solche Paradoxien sind mehr als Denkspiele im Bereich möglicher Unmöglichkeiten. Sie aktivieren Erfahrungsfähigkeiten, die reale Funktionen metaphorischen Dimensionen gegenüberstellen. So verändern sie unsere Wahrnehmung und stimulieren Erkenntnisse. Auf diese Weise kann die Kunst zwar keine Lösungen produzieren, sie vermag aber wohl, tradierte Sichtweisen auf unsere Welt zu hinterfragen.

Susanne Prinz

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