The Birthday Show

Martin Assig, Angela Bulloch, Oliver Croy, Gregor Hildebrandt, Jean-August-Dominique Ingres, Lisa Junghanss, Josephine Meckseper, Hermann Nitsch, Fred Sandback, Emil Schumacher, Raphaela Vogel
30.08.2020 – 10.10.2020

Stellen wir uns ein Gruppenporträt vor wie das von der Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band. Leute stehen vor einem Beet, auf dem Blumen so gesetzt sind, dass sie einen Schriftzug erge- ben: „29. August“. Da ist Michael Jackson mit einer Beatles-artigen Fantasie-Uniform. Daneben Jean-Auguste-Dominique Ingres. Zwischen den Schultern der beiden Männer schaut Ingrid Bergman hindurch. Rechts von Ingres dann die Namensvetter Emil und Joel Schumacher. Dahinter Charlie Parker, Susanne Kippenberger, Richard Attenborough, neben ihnen Sibylle Bergemann, Michelangelo Grigoletti ...
Aus dieser Gruppe von Menschen, die am 29. August Geburtstag haben, schreibt der Künstler Gregor Hildebrandt mir jedes Jahr an genau diesem Tag eine Nachricht: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ Ein Missverständnis! Ich wurde an einem 28. August geboren, in meiner Band spielen unter anderem Goethe und Florence Welch, aber kein Gregor Hildebrandt.
Wenn ich mir meine Gruppe anschaue und Gregors daneben halte, frage ich mich, was wohl die Menschen gemeinsam haben, die sich über die Jahrhunderte hinweg einen Geburtstag teilen. „Well ... pretty much nothing to be honest“, murmelt da ein Mann aus Gregors Gruppe: Der Philosoph John Locke, geboren am 29. August 1632, tritt hervor und teilt eine seiner tiefsten Überzeugungen mit: „Das menschliche Bewusstsein ist bei der Geburt wie ein weißes Blatt Papier (Tabula rasa), auf das die Erfahrung erst schreibt.“
Gleiche Jahrgänge hätten demnach etwas gemeinsam, Menschen, die sich einen Geburtstag in verschiedenen Jahrgängen teilen, hingegen nicht. Wer wie Gregor Hildebrandt 1974 in Westdeutschland geboren ist, hat über sein Leben hinweg ähnliche kollektive Erfahrungen angehäuft. Weshalb ein Gruppenbild aus Generationsgenoss/innen mehr Sinn ergibt als diese 29.-August-Gruppe.
Dennoch erzeugt der gleiche Geburtstag ein Gefühl von Verwandtschaft, aus dem etwas Großes entstehen kann: Wäre etwa die Sängerin Kate Bush nicht am gleichen Tag wie die viktorianischen Schriftstellerin Emily Brontë auf die Welt gekommen, hätte sie vielleicht nie deren Roman „Sturmhöhe“ gelesen und mit „Wuthering Heights“ einen Hit geschrieben, der sich auf dieses Buch bezieht.
Gregors „Sturmhöhe“ ist die „Birthday Show“: Am 29. August eröffnet er in seinem Projektraum Grzegorzki Shows eine Gruppenausstellung mit Arbeiten von Martin Assig, Angela Bulloch, Oliver Croy, Jean-Auguste-Dominique Ingres, Lisa Junghanss, Josephine Meckseper, Hermann Nitsch, Fred Sand- back, Emil Schumacher und Raphaela Vogel – deren aller Leben an einem 29. August begonnen hat.
Die Idee dazu geht zurück auf das Jahr 1998. Damals zeigte der Frankfurter Portikus eine Gruppen- ausstellung mit 96 Städelschüler/innen. „Um die Vielzahl der Teilnehmer überhaupt fassen zu können“, hieß es im Pressetext zu dieser Schau mit dem kryptischen Titel „STUTTGART, 17.7.1956 - SALEM (WIS.) / USA, 3.3.1977“, „mußte ein Ordnungsschema gefunden werden. Hierfür wählte man die Möglichkeit, die Studenten gemäß ihren Tierkreiszeichen auf zwölf Gruppen aufzuteilen. Ein verbindliches Thema wurde nicht vorgegeben.“
Gregor Hildebrandt, damals selbst noch Student, hatte diese Ausstellung gesehen, und ihn hat diese Idee offenbar nicht losgelassen. War das geteilte Tierkreiszeichen im Portikus ein zufällig gewähltes Schema, ist in der „Birthday Show“ der Tag der Geburt Voraussetzung für die Einladung zur Ausstellung. Dadurch wirkt diese Gruppenschau wie eine Parodie auf das verbreitete Bemühen, den Lebenslauf von Künstler/innen immer und überall in die Betrachtung ihres Werkes einzubeziehen.
Gleichzeitig überzeichnet sie überkuratierte Themenausstellungen, in denen Künstler/innen mit unterschiedlichster Praxis unter einer These zusammenfinden – was häufig genug bloße Behauptung bleibt. Hier etwa nicht? Eine Schlachteplatte von Hermann Nitsch neben Raphaela Vogels Monstrosi- täten zu sehen, bringt dann vielleicht doch etwas, und so ohne Weiteres wäre dieses „zufällige Zusammentreffen“, das laut Surrealisten bekanntlich Schönheit erzeugt, nicht zustande gekommen. Oder die Geometrie von Fred Sandback neben der von Martin Assig oder Angela Bulloch. Die Darstellung eines menschlichen Körpers durch Ingres neben einem Porträt von Lisa Junghanss.
Einen praktischen Nebeneffekt hat Gregors Vorhaben auf alle Fälle: Im Corona-Jahr, in dem private Geburtstagsfeiern in Verruf geraten sind, ist die Eröffnung ein Fest-Ersatz für gleich mehrere Geburtstagskinder, ein Gruppenfoto einer Lonely Hearts Club Band in einem sehr seltsamen Sommer. Wenn ich nicht allzu verkatert bin, komme ich auch.

Daniel Völzke

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