Victoria Andrejeva

Transformation Into Ensuing Conformation
26.10.2018 – 17.12.2018

Dies ist ein Statement über eine Arbeit, die noch nicht existiert. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine solide Geschichte, da dies meine erste Ausstellung als Künstlerin ist. Als Designerin stelle ich mein Werk jedoch seit sieben Jahren in Paris außerhalb des üblichen Rahmens aus.
Meine erste Kollektion habe ich 2011 in einer großen, leeren Wohnung präsentiert. Ich stellte fünf Paar Schuhe aus roher, nach außen gekehrter Reptilienhaut ganz ohne Futter her, sodass diejenigen, die die Schuhe (am besten barfuß) trugen, die Textur der Tierhaut spüren konnten. Die Idee war tragbar und (unmittelbar) emotional. Am Vorabend der Präsentation ging ich in den Bois de Boulogne in Paris und hub 200 Kilo dunkle Erde aus. Ich brachte sie in einem Taxi nach Hause und schleppte sie mithilfe des Taxifahrers in die Wohnung im ersten Stock. Der leere Hauptraum wurde mit Erde gefüllt. Darüber breitete ich ein riesiges Stofftuch aus kleinen Stoffteilen aus, das ich am selben Tag genäht hatte. Ich hatte damals und in den folgenden Jahren keinerlei Budget. Ich musste mir also etwas einfallen lassen – ein Charakteristikum meiner künstlerischen Arbeit, das für alle meine Verfahren prägend ist. Mein ganzes Geld ging in den Kauf von Leder, die Herstellung von Mustern und die Miete einer Wohnung für die Ausstellung.
Wenn Besucher kamen, um sich die Kollektion anzusehen, betraten sie einen dunklen Raum. Die Fensterläden waren geschlossen und ließen nur wenig Licht herein. Ein Projektor zeigte Babak Jalalis eigens zu diesem Zweck gedrehten Kurzfilm, in dem ein Kind mit Glas im Wald spielt. Ich wollte eine dramatische Wirkung erzielen, um die Fragilität einer ersten Kollektion zu betonen. Die Flickentuch-Leinwand teilte den Raum in zwei Hälften und der intensive Geruch der feuchten Erde erfüllte den Raum. Am Fuße des Tuchs standen fünf Paar weiße Schuhe auf der schwarzen Erde.
Für die nächste Kollektion baute ich einen Wasserturm aus Holzlatten, die ich auf einer Baustelle in Paris fand und bearbeitete, indem ich mit Ketten auf sie einschlug und sie mit einer Fackel ansengte. Für die nächste Ausstellung verwendete ich die kaputten, ausrangierten Teile eines Modellierstudios, das menschliche Körper aus Gips herstellt. Für die darauffolgende brachte ich 45 alte Türen von Recyclinghöfen in Italien nach Paris, um sie in einem kleinen Raum auszustellen. Es gab Installationen, bei denen wir den Raum mit 10.000 Bildern aus dem Archiv des Fotografen Antanas Sutkus füllten, welches bis in die 1960er-Jahre zurückreicht und Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir auf einsamen Spaziergängen in Nidda zeigt. Wir haben sowjetische Möbel mit Gips und Gummi überzogen, um einen Augenblick festzuhalten – oder ihn vielleicht zu versiegeln und zu unterdrücken. Wir haben Abgüsse meines Körpers hergestellt, damit sie einen Widerhall im Raum erzeugten.
Meine Kindheit in der Sowjetunion hat mich gelehrt, mit einem „Mangel an Wahlmöglichkeiten“ zu leben, was gezwungenermaßen zu Minimalismus führt, außer dass ich die ersten zehn Jahre meines Lebens eine Sowjetbürgerin war und die nächsten zehn Jahren in einer Gesellschaft lebte, die sich rechtmäßig befreien wollte. Die einfachste Art, sich von einem Regime wie der Sowjetunion zu befreien, bestand darin, die westliche Kultur zu übernehmen. Offene Grenzen und der Zustrom von Waren führten zu einer Fülle an Wahlmöglichkeiten. Der Konsum geriet außer Kontrolle, selbst wenn man sich ihn nicht leisten konnte. Der bloße Anblick plötzlich gefüllter Regale im Supermarkt, der bloße Anblick von im Bau befindlichen Supermärkten und die neuen Fernsehsender erzeugten eine allgemeine Panik des „immer mehr“.
Ich würde nicht sagen, dass meine Arbeit politisch ist. Aber meine Arbeitsweise spiegelt den Rhythmus wider, der den politischen Einschränkungen der ersten 20 Jahre meines Lebens entsprang: Meine Arbeit wird entweder von Mode – also Kleidung und Dingen, die man tragen kann – oder von Installationen begleitet.
Dank meiner Findigkeit und des Virus des „Konsumerismus“ verfüge ich über eine Fülle von Zutaten, die ich nicht gekauft, sondern vielmehr gefunden oder gesammelt und gehortet habe. Und aufgrund des „Traumas“ mangelnder Wahlmöglichkeiten, welches ich als Privileg betrachte, ist mein Werk schlicht und überschaubar, aber komplex.
Und dann ist da noch das, was ich als den „Verlust meiner Homogenität“ bezeichne. Bin ich Russin? Russisch ist meine Muttersprache und mein Familienname ist russisch. Bin ich Litauerin? Ich besitze die litauische Staatsbürgerschaft und stehe der litauischen Kultur mit ihren Wurzeln in heidnischer Mythologie nahe. Bin ich Jüdin? Das mir durch meine Mutter vermittelte religiöse Umfeld und die Mitgliedschaft bei Chabad Lubawitsch boten mir als Teenager eine Flucht aus der Realität. Bin ich Britin? Ich spreche täglich Englisch und arbeite von London aus unter britischen Bedingungen und nach britischen Regeln; seit 15 Jahren ist meine unmittelbare Umgebung britisch.
Um mich von einer verlorenen oder verwirrten Homogenität zu erholen, habe ich immer meine eigenen Kokon-Umgebungen geschaffen – ortsspezifische sichere Schlupfwinkel wie etwa bei der Pariser Fashion Week oder einer Schaufensterinstallation zur Präsentation meiner Kollektion in Berlin, LA, London oder einer anderen Stadt. Und jetzt endlich mit der Ausstellung, die ich für Gregor Hildebrandts Galerie vorbereite. „Transformation into Ensuing Conformation“ ist ein rudimentäres Thema, das auf eine körperlose Bedeutung hofft. Es beschreibt, was ich mache. Ich verwandle Dinge ohne bewusste Absicht und folge einfach meiner Gewohnheit, Dinge zu finden, zu konstruieren und zusammenzustellen. Diesmal habe ich Müll in meiner unmittelbaren Umgebung gesammelt – Stoffreste aus der Bekleidungsindustrie, Leder- und Kartenzuschnitte aus der Schuh- und Taschenherstellung, Staub, Leinenfasern, Schnüre, Draht, Fäden, Stoffe mit Materialfehlern.
Es gibt zahlreiche Materialien – ich bezeichne sie als Zutaten –, die ich meist vorab in einem einsamen, mühsamen Prozess vorfertige. Ich will damit nicht das Leiden eines Künstlers demonstrieren, sondern einen meditativen Fokus schaffen, bevor alle vorgefertigten Teile an einem Ort wie der Grzegorzki Shows Galerie eintreffen, wo ich eine spontane Umgebung schaffe. Diese ergibt nur dann Sinn und wird nur dann zu einem vollständigen Werk, wenn die gesamte Umgebung versammelt ist. Dann wird „conformation“ eine prätentiöse Bedeutung haben oder einer sinnhaltigen metaphysischen Form ähneln. Eine trockene logische Abfolge mit einer endgültigen, nicht-greifbaren Bedeutung.
Das ist mein Konzept. Ich bin allerdings keine Konzeptkünstlerin. Ich bin eine Künstlerin mit vielfältigen kulturellen Bezügen, was für meine Arbeit sowohl lähmend als auch befreiend ist. Ich würde mich als primitive, konstruktive Künstlerin bezeichnen, die allerdings nicht dem Konstruktivismus angehört – es gibt keinen sozialen Zweck.

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